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Tyll

Tyll

von Daniel Kehlmann 2017 474 Seiten
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Handlungszusammenfassung

Kindheit im Schatten

Tylls frühe Jahre, geprägt von Außenseitertum

Tyll Ulenspiegel wächst als Müllerssohn in einem abgelegenen Dorf auf, umgeben von Aberglauben, Armut und der ständigen Angst vor dem Krieg. Sein Vater Claus ist ein belesener, aber eigenwilliger Mann, der sich mit der Kirche und den Dorfbewohnern anlegt. Tyll erlebt früh Gewalt, Ausgrenzung und die Härte des Lebens. Die Welt ist voller Unsicherheit, und schon als Kind spürt er, dass er anders ist – neugierig, rebellisch, mit einem Hang zur Kunst und zum Spott. Die Familie ist von Verlusten gezeichnet, und Tylls Blick auf die Welt wird von der Erfahrung des Todes und der Willkür der Mächtigen geprägt. In dieser Atmosphäre entwickelt er seine ersten Talente als Gaukler und Beobachter.

Die Macht des Spiels

Tyll entdeckt die Kraft der Kunst

Schon als Junge erkennt Tyll, dass das Spiel, das Jonglieren, der Tanz auf dem Seil und das Erzählen von Geschichten eine Macht besitzen, die über das Alltägliche hinausgeht. Er übt unermüdlich, fällt, steht wieder auf und lernt, dass Leichtigkeit und Freiheit im Spiel liegen. Die Kunst wird für ihn zum Mittel, sich gegen die Zwänge der Gesellschaft zu behaupten. Gleichzeitig beobachtet er, wie sein Vater mit Wissen und Magie experimentiert, aber an den Grenzen der Zeit und der dörflichen Enge scheitert. Tyll begreift, dass das Leben ein Balanceakt ist – zwischen Anpassung und Widerstand, zwischen Ernst und Spott. Das Spiel wird zur Überlebensstrategie in einer Welt, die aus den Fugen geraten ist.

Flucht und Verwandlung

Tyll muss das Dorf verlassen

Als sein Vater der Hexerei beschuldigt und hingerichtet wird, bleibt Tyll keine Wahl: Er flieht mit Nele, der Bäckerstochter, ins Ungewisse. Die Flucht ist ein Bruch mit der Vergangenheit, aber auch eine Initiation in die Welt der fahrenden Leute. Tyll und Nele schließen sich einem Bänkelsänger an, lernen von Gauklern und erleben die Härte des Lebens auf der Straße. Die Verwandlung vom Müllerssohn zum Künstler, vom Kind zum Überlebenskünstler, ist schmerzhaft, aber notwendig. Tyll lernt, dass Identität wandelbar ist und dass man sich immer wieder neu erfinden muss, um zu bestehen.

Die Kunst des Überlebens

Leben als fahrender Gaukler im Krieg

Tyll und Nele schlagen sich als Teil eines fahrenden Zirkus durch das vom Dreißigjährigen Krieg verheerte Land. Sie begegnen Hunger, Gewalt und Misstrauen, aber auch Solidarität unter den Ausgestoßenen. Die Kunst wird zur Währung, mit der sie sich Essen, Schutz und manchmal auch Respekt erkaufen. Tyll perfektioniert seine Kunststücke, jongliert mit Messern, tanzt auf dem Seil und lernt, Menschen zu lesen und zu manipulieren. Doch das Überleben hat seinen Preis: Sie müssen sich immer wieder anpassen, verlieren Freunde und erleben, wie dünn die Grenze zwischen Leben und Tod ist.

Hexenjagd und Verrat

Die dunkle Seite der Macht und Angst

Die Geschichte von Tylls Vater Claus, der als Hexer gefoltert und hingerichtet wird, spiegelt die Paranoia und Grausamkeit der Zeit wider. Die Hexenjagd ist ein Instrument der Kontrolle, und die Dorfgemeinschaft verrät ihre eigenen Mitglieder aus Angst und Eigennutz. Tyll erlebt, wie Wahrheit und Lüge verschwimmen, wie Geständnisse erzwungen werden und wie die Justiz zur Farce wird. Der Verrat an der eigenen Familie und die Ohnmacht gegenüber der Gewalt der Obrigkeit prägen Tylls Misstrauen gegenüber allen Autoritäten. Die Erfahrung des Verrats wird zum Motor seiner späteren Unabhängigkeit.

Der Narr und der Krieg

Tyll als Spiegel der Zeit im Dreißigjährigen Krieg

Tyll wird zum berühmten Narren, der durch die Lande zieht und an den Höfen der Mächtigen auftritt. Er begegnet Generälen, Königen und Gelehrten, bleibt aber immer Außenseiter und Beobachter. Der Krieg tobt, Städte werden zerstört, Menschen verhungern, und Tyll nutzt seine Kunst, um zu überleben und die Wahrheit zu sagen, die keiner hören will. Als Narr darf er alles sagen, aber er weiß, dass auch diese Freiheit trügerisch ist. Der Krieg wird zur Bühne, auf der Tyll die Absurdität der Macht und die Lächerlichkeit der Großen entlarvt.

Begegnungen mit den Großen

Tyll trifft auf Könige, Gelehrte und Scharlatane

Auf seinen Wegen begegnet Tyll historischen Figuren wie dem Winterkönig Friedrich, der Königin Elisabeth, dem Jesuiten Tesimond und dem Universalgelehrten Kircher. Diese Begegnungen sind geprägt von Missverständnissen, Machtspielen und der Suche nach Sinn in einer chaotischen Welt. Tyll erkennt, dass auch die Großen der Zeit Getriebene sind, gefangen in ihren Rollen und Illusionen. Die Gespräche mit ihnen sind voller Ironie, aber auch Melancholie – niemand entkommt dem Schicksal, und alle sind auf ihre Weise Narren.

Hunger, Tod und Hoffnung

Überleben am Rand des Abgrunds

Der Krieg bringt Hunger, Krankheit und Tod. Tyll, Nele und ihre Gefährten erleben, wie das Leben auf ein Minimum reduziert wird. Sie hungern, frieren, verlieren Freunde und müssen immer wieder neu anfangen. Doch selbst im Elend gibt es Momente der Hoffnung: ein gelungenes Kunststück, ein gemeinsames Lied, ein Märchen am Feuer. Die Hoffnung auf ein besseres Leben, auf Liebe und Anerkennung bleibt, auch wenn sie immer wieder enttäuscht wird. Der Tod ist allgegenwärtig, aber das Leben behauptet sich im Trotz und im Spiel.

Die Welt als Bühne

Das Leben als Theater, Wahrheit als Maskenspiel

Tyll erkennt, dass die Welt eine Bühne ist und alle Menschen Rollen spielen. Die Grenzen zwischen Wahrheit und Lüge, zwischen Sein und Schein, verschwimmen. Die Kunst des Narren besteht darin, diese Masken zu durchschauen und selbst zum Meister der Verwandlung zu werden. Tyll nutzt das Theater, um die Wahrheit zu sagen, aber auch, um sich zu schützen. Die Bühne wird zum Ort der Freiheit, aber auch der Einsamkeit – wer immer eine Maske trägt, bleibt letztlich allein.

Der Winterkönig fällt

Der Untergang der Großen und das Ende der Illusionen

Die Geschichte des Winterkönigs Friedrich und seiner Frau Elisabeth spiegelt den Fall der Mächtigen und die Zerbrechlichkeit von Macht und Ruhm. Ihre Träume von Größe und Einfluss zerbrechen an der Realität des Krieges und der politischen Intrigen. Tyll wird Zeuge ihres Scheiterns, erkennt aber auch, dass niemand unverwundbar ist. Der Fall der Großen ist eine Warnung an alle, die glauben, das Schicksal kontrollieren zu können. Am Ende bleibt nur die Erinnerung an das, was hätte sein können.

Die Suche nach Heimat

Heimatlosigkeit und die Sehnsucht nach Zugehörigkeit

Tyll und Nele sind immer unterwegs, immer auf der Suche nach einem Ort, an dem sie bleiben können. Doch der Krieg, das Misstrauen und die eigene Andersartigkeit machen es unmöglich, irgendwo Wurzeln zu schlagen. Heimat wird zur Erinnerung, zur Sehnsucht, zum Märchen. Die Suche nach Zugehörigkeit bleibt unerfüllt, aber sie gibt dem Leben Richtung und Sinn. Am Ende ist Heimat vielleicht nur ein Moment der Nähe, ein gemeinsames Lachen, ein geteiltes Brot.

Der Drache stirbt aus

Das Ende der alten Welt und ihrer Mythen

Mit dem Tod des letzten Drachen stirbt auch die alte Welt der Magie, der Märchen und der Wunder. Die Aufklärung, die Wissenschaft und der Krieg haben die Welt entzaubert. Tyll begegnet Gelehrten wie Kircher, die versuchen, die Welt zu erklären, aber an ihren eigenen Lügen und Illusionen scheitern. Der Tod des Drachen ist ein Symbol für das Ende einer Epoche – die Welt wird nüchterner, aber auch ärmer an Wundern. Tyll bleibt als letzter Zeuge einer Zeit, in der alles möglich schien.

Die Masken der Wahrheit

Wahrheit, Lüge und die Kunst der Täuschung

Immer wieder wird Tyll mit der Frage nach Wahrheit und Lüge konfrontiert – in den Hexenprozessen, in den politischen Intrigen, im eigenen Leben. Die Wahrheit ist selten eindeutig, oft gefährlich, manchmal tödlich. Tyll lernt, dass Täuschung eine Überlebensstrategie ist, aber auch eine Last. Die Masken, die er trägt, schützen ihn, aber sie trennen ihn auch von anderen. Am Ende bleibt die Frage, ob es eine Wahrheit hinter den Masken gibt – oder ob das Leben selbst ein einziges Spiel ist.

Der letzte Tanz

Abschied, Alter und das Weitergeben der Kunst

Im Alter sieht Tyll, wie die Zeit vergeht, Freunde sterben und die Welt sich verändert. Nele findet schließlich einen Platz in der Gesellschaft, Tyll bleibt ein Wanderer. Der letzte Tanz ist ein Abschied von der Jugend, von den Träumen, von der alten Welt. Doch die Kunst lebt weiter – in den Geschichten, in den Erinnerungen, in den Kindern, die staunend dem Narren zusehen. Der letzte Tanz ist auch ein Versprechen: Solange es Narren gibt, gibt es Hoffnung.

Frieden in Westfalen

Das Ende des Krieges und der Beginn einer neuen Zeit

Mit dem Westfälischen Frieden endet der Dreißigjährige Krieg, aber die Wunden bleiben. Die Mächtigen verhandeln, teilen das Land neu auf, und die kleinen Leute hoffen auf ein besseres Leben. Tyll erlebt, wie die Welt sich wandelt, wie neue Regeln entstehen und alte Gewissheiten verschwinden. Der Frieden bringt Erleichterung, aber auch Ernüchterung – die Welt ist nicht mehr, wie sie war. Doch im Spiel, im Tanz, im Erzählen bleibt etwas von der alten Freiheit.

Erinnerung und Vergessen

Was bleibt, wenn alles vergeht?

Am Ende bleibt die Frage nach dem, was bleibt: Erinnerungen, Geschichten, Spuren im Sand. Tyll wird zur Legende, zur Figur der Erinnerung, aber auch zum Symbol für das Vergessen. Die Welt dreht sich weiter, neue Kriege kommen, neue Narren treten auf. Doch die Geschichten von Tyll, von Nele, von den Großen und den Kleinen, bleiben – als Warnung, als Trost, als Erinnerung daran, dass das Leben ein Spiel ist, das immer weitergeht.

Analysis

Ein Roman über Kunst, Macht und Überleben in einer zerrissenen Welt

Daniel Kehlmanns „Tyll" ist weit mehr als eine Neuerzählung der Ulenspiegel-Legende – es ist ein Epos über die Macht der Kunst, die Grausamkeit des Krieges und die Fragilität von Wahrheit und Identität. In einer Welt, die von Gewalt, Hunger und Angst geprägt ist, wird das Spiel zur Überlebensstrategie, die Maske zur Wahrheit, der Narr zum einzigen, der alles sagen darf. Der Roman zeigt, wie Geschichte gemacht und erzählt wird, wie Erinnerung und Vergessen sich abwechseln und wie jeder Mensch gezwungen ist, seine Rolle zu spielen. Die fragmentierte Struktur, die Mischung aus Märchen, Historie und Fiktion, spiegelt die Unsicherheit der Zeit und die Unmöglichkeit, eine einzige Wahrheit zu finden. „Tyll" ist ein Buch über das Menschsein im Ausnahmezustand – voller Melancholie, Witz und Weisheit. Die zentrale Botschaft: In einer Welt, die aus den Fugen geraten ist, bleibt die Kunst – das Erzählen, das Spiel, das Lachen – als letzter Trost und als Möglichkeit, sich selbst und die Welt immer wieder neu zu erfinden.

Zuletzt aktualisiert:

Report Issue

Rezensionsübersicht

3.95 von 5
Durchschnitt von 15.000+ Bewertungen von Goodreads und Amazon.

Reviews for Tyll are largely positive, praising Kehlmann's blend of historical fiction, folklore, and dark humor set against the Thirty Years' War. Readers admire the non-linear structure, vivid characters, and the legendary jester Tyll Ulenspiegel as a mirror of his chaotic times. The novel's fusion of tragedy and comedy, fact and fantasy, is frequently highlighted. Some critics note unevenness when Tyll recedes from the narrative, and occasional historical inaccuracies. The book was shortlisted for the International Booker Prize 2020, with Ross Benjamin's translation widely praised.

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Characters

Tyll Ulenspiegel

Der ewige Narr, Überlebenskünstler, Spiegel der Zeit

Tyll ist das Zentrum des Romans – ein Gaukler, Seiltänzer, Spötter und Überlebenskünstler, der sich jeder Situation anpasst und doch immer Außenseiter bleibt. Psychologisch ist er geprägt von früher Ausgrenzung, dem Verlust der Familie und der Erfahrung von Gewalt und Verrat. Seine Kunst ist sein Schutzschild, seine Waffe und sein Lebenssinn. Tyll ist ein Meister der Masken, der Wahrheit und Lüge spielerisch wechselt, um zu überleben und die Mächtigen zu entlarven. Er bleibt immer in Bewegung, unfassbar, zwischen den Welten, und wird so zum Symbol für die Freiheit des Geistes in einer zerstörten Welt. Seine Entwicklung ist geprägt von Schmerz, aber auch von einer unbändigen Lebenslust und der Sehnsucht nach Zugehörigkeit.

Nele

Tylls Gefährtin, starke Frau, Suchende

Nele ist Tylls wichtigste Begleiterin – klug, mutig, praktisch und voller Sehnsucht nach einem besseren Leben. Sie ist bodenständig, aber auch offen für das Wunderbare. Ihre Beziehung zu Tyll ist komplex: Schwesterlich, freundschaftlich, manchmal fast mütterlich, aber immer von tiefer Verbundenheit geprägt. Nele ist eine Überlebende, die sich nicht unterkriegen lässt, aber auch ihre Verletzlichkeit zeigt. Sie sucht nach Heimat, nach Liebe, nach einem Platz in der Welt – und findet ihn schließlich, ohne Tyll ganz loszulassen. Psychologisch steht sie für die Hoffnung, dass auch in einer zerstörten Welt Nähe und Fürsorge möglich sind.

Claus Ulenspiegel

Tylls Vater, Suchender, Opfer der Zeit

Claus ist ein belesener, neugieriger, aber auch naiver Mann, der an den Grenzen seiner Zeit scheitert. Er glaubt an Wissen, Magie und die Möglichkeit, die Welt zu verstehen, wird aber von der Gesellschaft als Bedrohung wahrgenommen. Sein Konflikt mit der Kirche und der Dorfgemeinschaft führt zu seinem Untergang. Psychologisch ist Claus ein Idealist, der an der Realität zerbricht. Für Tyll bleibt er ein prägendes Vorbild – als Warner, als Opfer, als Mahnung, dass Wissen und Wahrheit gefährlich sein können.

Agneta

Tylls Mutter, starke Frau, tragische Figur

Agneta ist eine Frau, die zwischen den Welten steht: loyal zu ihrem Mann, aber auch pragmatisch und ums Überleben bemüht. Sie erlebt den Zerfall der Familie, den Tod der Kinder und die Gewalt der Zeit. Ihre Beziehung zu Tyll ist von Liebe, aber auch von Ohnmacht geprägt. Psychologisch steht sie für die Generation der Frauen, die im Hintergrund leiden und kämpfen, ohne je im Mittelpunkt zu stehen.

Der Winterkönig Friedrich

Gefallener Herrscher, tragischer Idealist

Friedrich ist der Inbegriff des gescheiterten Träumers: Er nimmt die böhmische Krone an, verliert alles und wird zum Symbol für die Zerbrechlichkeit von Macht und Ruhm. Seine Beziehung zu Elisabeth ist von Liebe, aber auch von gegenseitigen Vorwürfen geprägt. Psychologisch ist er ein Mann, der an seinen eigenen Ansprüchen und der Realität zerbricht, unfähig, sich den Herausforderungen zu stellen.

Elisabeth von Böhmen

Stolze Königin, Überlebende, Mutter

Elisabeth ist eine starke, kluge Frau, die sich in einer Männerwelt behaupten muss. Sie kämpft für ihre Familie, für die Kurwürde, für die Erinnerung an eine bessere Zeit. Ihre Beziehung zu Friedrich ist ambivalent, geprägt von Liebe, Enttäuschung und Pflichtgefühl. Psychologisch ist sie eine Überlebende, die sich nie ganz unterkriegen lässt, aber auch die Last der Vergangenheit nie ablegen kann.

Athanasius Kircher

Universalgelehrter, Scharlatan, Symbol der neuen Zeit

Kircher ist ein Gelehrter, der zwischen Wissenschaft und Aberglauben steht. Er sucht nach Erklärungen, erfindet Theorien, fälscht Ergebnisse und wird so zum Symbol für die Ambivalenz der Aufklärung. Psychologisch ist er ein Getriebener, der nie ankommt, immer weiter sucht und dabei oft an der eigenen Hybris scheitert.

Tesimond

Jesuit, Inquisitor, Fanatiker

Tesimond steht für die dunkle Seite der Religion: Fanatismus, Kontrolle, Gewalt. Er ist ein Mann, der glaubt, im Namen Gottes zu handeln, aber dabei Unschuldige zerstört. Psychologisch ist er ein Mann, der sich selbst verliert, weil er keine Zweifel zulässt.

Pirmin

Gaukler, Lehrer, gebrochener Mensch

Pirmin ist ein alter Gaukler, der Tyll und Nele vieles beibringt, aber selbst an der Härte des Lebens zerbricht. Er ist zynisch, verletzlich, manchmal grausam, aber auch voller Wissen. Psychologisch steht er für die Generation der Gescheiterten, die trotzdem weitergeben, was sie wissen.

Origenes (der Esel)

Sprechender Esel, Symbol für das Wunderbare

Origenes ist mehr als ein Tier – er ist ein Symbol für das Fantastische, das in der Welt bleibt, solange es Narren gibt. Er steht für die Möglichkeit, dass auch das Unmögliche wahr werden kann, wenn man nur daran glaubt.

Plot Devices

Fragmentierte Erzählstruktur und Perspektivwechsel

Verschachtelte Zeit, wechselnde Stimmen, kaleidoskopische Welt

Der Roman ist nicht linear erzählt, sondern springt zwischen Zeiten, Orten und Perspektiven. Die Kapitel sind wie Mosaiksteine, die sich erst allmählich zu einem Bild fügen. Immer wieder wechseln die Erzähler: mal ein allwissender Beobachter, mal die Dorfgemeinschaft, mal Tyll selbst, mal historische Figuren. Diese Struktur spiegelt die Zerrissenheit der Zeit und die Unmöglichkeit, eine einzige Wahrheit zu erzählen. Erinnerungen, Märchen, Gerüchte und Fakten vermischen sich, sodass die Grenze zwischen Realität und Fiktion verschwimmt. Foreshadowing, Rückblenden und das Spiel mit verschiedenen Erzählebenen erzeugen eine dichte, vielschichtige Atmosphäre, in der die Leser immer wieder neu orientieren müssen.

Die Kunst als Überlebensstrategie

Spiel, Theater und Täuschung als Schutz und Waffe

Tylls Kunst – Jonglage, Seiltanz, Spott, Theater – ist nicht nur Unterhaltung, sondern Überlebensstrategie. Die Kunst wird zur Währung, zur Waffe gegen die Mächtigen, zum Schutzschild gegen Gewalt und Willkür. Immer wieder wird gezeigt, wie das Spiel mit der Wahrheit, das Maskenspiel, das Erzählen von Geschichten Leben retten oder zerstören kann. Die Bühne wird zum Ort der Freiheit, aber auch der Einsamkeit.

Historische Einbettung und Fiktionalisierung

Verschmelzung von Geschichte und Legende

Kehlmann nutzt reale historische Ereignisse – den Dreißigjährigen Krieg, den Westfälischen Frieden, die Schicksale von Friedrich und Elisabeth – und mischt sie mit der Legende des Ulenspiegel. Die Grenzen zwischen Fakt und Fiktion werden bewusst verwischt. Historische Figuren werden zu Romanfiguren, Legenden zu Wahrheiten, und umgekehrt. Dadurch entsteht ein vielschichtiges Bild einer Epoche, das mehr über die Gegenwart als über die Vergangenheit aussagt.

Symbolik und Märchenmotive

Drachen, sprechende Tiere, Märchen als Spiegel der Wirklichkeit

Immer wieder tauchen Märchenmotive auf: der sprechende Esel, der letzte Drache, das Märchen vom güldenen Ei. Sie stehen für die Sehnsucht nach einer anderen, magischen Welt, aber auch für die Kraft der Fantasie, die selbst im Elend Hoffnung stiftet. Die Märchen sind Trost, Warnung und Spiegel der Realität zugleich.

Über den Autor

Daniel Kehlmann is a celebrated German-Austrian novelist and playwright, born in 1975, who divides his time between Vienna and Berlin. He is best known internationally for Measuring the World, a fictional account of Alexander von Humboldt and Carl Friedrich Gauss, translated into over forty languages and becoming one of the most successful German-language novels in decades. Kehlmann's work has earned numerous prestigious awards, including the Kleist Prize, the Candide Prize, the WELT Literature Prize, and the Thomas Mann Prize. Widely regarded as one of the most significant contemporary authors writing in German, his fiction skillfully blends history, philosophy, and imagination.

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